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Geißbock springt vom Rathausbalkon

Waltraud Daniela Engel, 10.November 2014

Beim Spaziergang mit Initiative Lebensraum Möhringen (ILM) lernen Zugezogene viel Neues über ihren Stadtbezirk.

Birgit Dirksmöller kennt eine Anekdote über das Möhringer Bezirksrathaus. Angeblich – so wissen Ur- Möhringer zu berichten – sei vor vielen Jahren einmal ein besonderer Besucher auf dem Balkon des heutigen Bezirksrathauses an der Maierstraße gesichtet worden. Der Balkon, der den diensthabenden Ortsvorstehern zur Verkündigung guter und schlechter Nachrichten diente, war stets mit Geranien bepflanzt. Eines Tages traf der damalige Hausmeister einen an den Blumen mümmelnden Geißbock auf eben jenem Balkon an. Als er ihn verscheuchen wollte, ergriff das Tier die Flucht über die Brüstung. Doch statt eines toten Geißbocks auf der Straße fand der Hausmeister nichts unterhalb des Balkons. Der Bock hatte überlebt, die Türen werden seither verschlossen. 

Dirksmöller mag die Geschichte, weil sie den ländlichen Charakter des mittlerweile auf 30 000 Einwohner gewachsenen Stadtteils zeigt. Firmen wie Daimler und Züblin haben in Möhringen ihren Sitz in direkter Nachbarschaft zu landwirtschaftlichen Betrieben, die seit Generationen dem Vollerwerb dienen. „Genau das macht doch den Reiz von Möhringen aus“, sagt der Bezirksvorsteher Jürgen Lohmann bei seiner Begrüßung. Beim dem von der Ilm organisierten Spaziergang durch den Ortskern rund um die Martinskirche erklärt Dirksmöller, dass viele Gebäude früher einen anderen Zweck hatten. Das Haus, in dem heute das Bürgerbüro untergebracht ist, war schon Schule und Kindergarten. Und das Gemeindezentrum der Martinskirche wurde als Stall für Zuchtbullen benutzt. Die ortsansässigen Bauern brachten ihre Kühe zum Besamen dorthin. „Schließlich hatte nicht jeder Bauer einen guten Bullen im Stall“, sagt Dirksmöller.

Wie die Martinskirche zu ihrem Namen kam, erklärte Dirksmöller auch: Die ursprünglich auf der Gemarkung lebenden Alemannen wurden von den Franken vertrieben. „Und als erstes demonstrierte man damals seine Macht, indem man dem anderen die eigene Religion überstülpte“, sagte Dirksmöller. Also wurde das Gotteshaus dem Heiligen Martin – einem der wichtigsten Heiligen der Franken – gewidmet, und es trägt noch heute dessen Namen. „Im Mittelalter war die Kirche auch eine Wehrkirche“, sagte Dirksmöller. Die rund sieben Meter hohen festungsartigen Mauern sollten die Einwohner vor Übergriffen schützen. Schließlich gehörten Möhringen und Vaihingen zum Esslinger Spital und alle umliegenden Ortschaften gehörten zu Württemberg. Erst 1942 wurde Möhringen nach Stuttgart eingemeindet. „Für viele Alt-Möhringer war das ein schwarzer Tag“, sagt Bezirksvorsteher Lohmann und lacht.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 10.11.2014