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Mit Stiefeln und Wurzelbürste ins Unterholz

Waltraud Daniela Engel, 22.Januar 2014

Wer suchet, der findet auch Kleindenkmäler: auf Entdeckungstour mit Birgit Dirksmöller.

Unter Kleindenkmälern konnte ich mir vor dem Termin nicht viel vorstellen. Landesfürsten hoch zu Roß oder Kriegerdenkmale habe ich schon häufiger gesehen: ist ein Kleindenkmal dann ein kleiner Krieger auf einem Pony? Das wird mir Birgit Dirksmöller sicher gleich erzählen. Bepackt mit Gummistiefeln mache ich mich auf zum Fototermin in den Haldenwald – dort sollen angeblich Kleindenkmale unterm Moos schlummern, die sie mir zeigen möchte.

Eine Motorsäge heult aus den Tiefen des Waldes, nicht weit entfernt bellt ein Hund. Die Wege sind noch vom jüngsten Regenguss matschig und nur schwer passierbar. Für Ende Januar ist es mild, kein Schnee liegt. „Gut so“, sagt Dirksmöller. Sonst würde sich unsere Suche auch erheblich schwieriger gestalten.

Bereits seit mehr als einem Jahr sucht die Möhringerin regelmäßig nach Kleindenkmalen. Dazu zählen alle von Menschenhand geschaffenen Gebilde aus Stein, Metall oder Holz, die einem bestimmten Zweck dienten oder an eine Begebenheit oder eine Person erinnerten. Gemarkungssteine, die die Grenzen der einzelnen Gemeinde absteckten, gehören per Definition dazu. Anfang Januar wurde Dirksmöller erstmals fündig: „Ich war total glücklich, dass ich endlich etwas gefunden habe.“

Zunächst habe sie nur vorsichtig mit der Hand das Moos entfernt, erzählt Dirksmöller. Zum Vorschein kam eine vom Regen verwaschene ZZ-Inschrift. Ahnungslosigkeit mischte sich in die Euphorie über den Fund. Scherzhafte Mutmaßungen, dass möglicherweise die Romanfigur Zorro sein Unwesen im Haldenwald getrieben hatte, ließen Dirksmöller ernsthafte Nachforschungen anstellen. Der Weg führte sie ins Möhringer Heimatmuseum. „Dort rannte ich offene Türen ein“, sagt Birgit Dirksmöller und lacht.

Normalerweise, so erfuhr sie, seien die Steine mit einem Wappen versehen – für Möhringen die dreilappige Tübinger Fahne, für Kaltental ein doppeltes Hirschgeweih oder für Vaihingen ein V. Manchmal finde man Jahreszahlen oder einfache Nummerierungen. Und diese sehen nicht unbedingt so wie heute aus. Deshalb lag für Dirksmöller die Vermutung nahe, dass das vermeintliche Zorro-Emblem wohl eher eine 22 darstellen sollte. Ausgerüstet mit Wurzelbürste zog sie los und putzte den Stein gründlich. „Zum Vorschein kamen tatsächlich noch die Ziffer 3 sowie das Möhringer Wappen“, sagt Dirksmöller.

Initiiert wurde die Suche nach den Kleindenkmälern vom Verschönerungsverein Stuttgart, der zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege systematisch alle Kleindenkmäler in der Landeshauptstadt erfassen will. Über das gesamte Stadtgebiet helfen rund 85 Ehrenamtliche, die oft versteckten Kleinode zu kartografieren.

Praktische Tipps gab es im Vorfeld auch: Wer ein Waldstück in seinem Gebiet hat, solle am besten im Winter suchen – ohne Laub und Nadeln erkenne man die Gemarkungssteine leichter. Und wenn man einen gefunden hat, dürfe man nur vorsichtig, „nicht mit dem Dampfstrahler putzen“, sagt Dirksmöller.

Seither zieht sie regelmäßig los, bepackt mit Zollstock, Klemmbrett, Fotoapparat und Wurzelbürste. Am Wochenende wird die engagierte Möhringerin von ihrer Familie begleitet. Ziel der Expedition ins Unterholz sollte eigentlich der Gemarkungsstein im Haldenwald sein, unterhalb der Treppe bei der Triberger Straße, den Birgit Dirksmöller Anfang dieses Monats entdeckte.

Die Begeisterung, die Dirksmöller ausstrahlt, ist ansteckend. Kurz entschlossen suchen wir das Unterholz ein paar hundert Meter weiter südlich ab. Vorbei am verwilderten Brombeergestrüpp, immer tiefer hinein in den Wald. Quer über den Weg gespannt prangt ein Schild, das vor Forstarbeiten warnt. Und tatsächlich: an der Ecke eines kleinen Schrebergartens steht ein Gemarkungsstein. „Da ist das Württemberger Wappen drauf“, freut sich Dirksmöller, die sofort ihre Bürste ausgepackt. Auf dem 25 mal 28 mal 59 Zentimeter großen Sandstein ist auch deutlich eine Jahreszahl erkennbar: 1823.

Spätestens jetzt gibt es für uns kein Halten mehr. Noch eine knappe halbe Stunde durchkämmen wir das Gebüsch bis zwei weitere Gemarkungssteine gefunden sind – einer verwitterter als der andere. Den letzten entdecke ich zuerst. Nur noch die Richtungslinie auf dem Kopf erinnert an den ursprünglichen Zweck. Ganz stolz taufe ich ihn – und Birgit Dirksmöller verspricht demnächst wieder zu kommen und ihn gründlich zu putzen.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 22.01.2014