Mobirise

„Ich habe noch nie ein böses Wort gehört“

Alexandra Kratz, 18.Januar 2012

Der Nachtwanderer Johann Stefan hat über seine Erfahrungen mit der Jugend gesprochen.

Auch wenn die Gelenke manchmal knacken und der Rücken schmerzt, ist Johann Stefan immer wieder spätabends auf den Straßen unterwegs. Der rüstige Rentner aus Ostfildern ist seit einiger Zeit Nachtwanderer in Filderstadt. Als solcher will er mit Jugendlichen ins Gespräch kommen und sie gut durch die Nacht bringen. Am Montag war Stefan zu Gast im Bürgerhaus, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Veranstalter war die Initiative Lebensraum Möhringen-Fasanenhof-Sonnenberg (Ilm).

Der Verein will das Projekt auch in dem Stuttgarter Stadtbezirk starten. Die Idee dazu hatte das Ilm-Mitglied Rita Dormann. Derzeit ist die Initiative auf der Suche nach Ehrenamtlichen (wir berichteten). „Dieses Projekt trägt sicher dazu bei, die Sicherheit und das soziale Klima in unserem Stadtbezirk zu verbessern“, machte Bezirksvorsteher Jürgen Lohmann gleich zu Beginn der Veranstaltung Werbung.

An interessierten Bürgern mangelte es bei dem ersten Treffen nicht. Doch der ein oder andere war sich freilich noch unsicher und fürchtete insbesondere, die Jugendlichen würden ihn vielleicht angreifen. Diese Ängste konnte Stefan den meisten nehmen. „Ich habe noch nie ein böses Wort von den Mädchen und Jungen gehört. Die meisten freuen sich, dass wir da sind, dass es Erwachsene gibt, die sich ernsthaft für sie interessieren“, sagte Johann Stefan. Und wenn sich die Jugendlichen doch mal abwenden, dann würden die Nachtwanderer nicht hinterher gehen. „Das ist nicht unser Ding“, sagte Stefan.

Die Nachtwanderer seien keine Polizei und keine Bürgerwehr, sondern einfach „nur“ Ehrenamtliche, die hinschauen. „Den erhobenen Zeigefinger gibt es bei uns nicht. Wir wollen nicht ermahnen, sondern helfen“, brachte Stefan sein Anliegen und das seiner Mitstreiter auf den Punkt.

Die Zuhörer hatten viele Anregungen und Fragen. Julia Niedermaier, die für die Grünen im Bezirksbeirat Vaihingen sitzt, störte sich daran, dass die Nachtwanderer mindestens 25 Jahre alt sein sollen. „Ich denke, es gibt auch viele Jüngere, die dieses Ehrenamt gut übernehmen könnten. Und bei den Teenagern käme das sicher gut an“, sagte sie. Niedermaier selbst ist noch keine 25 und würde es „sehr schade finden, wenn sie bei den Nachtwanderern nicht mitmachen könnte“. Rita Dormann und Johann Stefan waren sich einig, dass man das so eng nicht sehen dürfe. „Man muss das von Fall zu Fall entscheiden“, sagte Dormann.

Wolfgang Gessler, der Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins, wies noch einmal auf die Verschwiegenheitspflicht der Nachtwanderer hin. „Das sollte klar kommuniziert werden, damit es die Jugendlichen wissen. Denn so wird Vertrauen geschaffen“, sagte Gessler. Ein anderer Zuhörer fragte, ob die Nachtwanderer auch auf ältere Menschen zugehen würden. „Wenn jemand unsere Hilfe braucht, helfen wir auch. Dazu sind wir schließlich verpflichtet“, antwortete Stefan.

Die Ilm-Vorsitzende Inge Diehl, die Projektinitiatorin Rita Dormann, und Bezirksvorsteher Jürgen Lohmann waren am Ende der Veranstaltung mit der Resonanz zufrieden. Schließlich trugen sich einige in die ausliegenden Listen ein und bekundeten damit ihr Interesse am Nachtwandeln.

WAS NACHTWANDERER WISSEN SOLLTEN

Rahmenbedingungen Die Nachwanderer sollen künftig Freitag- und/oder Samstagabend zu Fuß oder mit Bus und Bahn in Gruppen mit mindestens drei Personen in Möhringen, Sonnenberg und auf dem Fasanenhof unterwegs sein. Alle Ehrenamtlichen müssen einen Erste-Hilfe-Kurs und ein Deeskalationstraining absolvieren. Die Nachtwanderer haben dunkelblaue Jacken mit einem entsprechenden Logo an, so dass sie auf den ersten Blick erkennbar sind. Die Ehrenamtlichen sind über die Ilm versichert, sie bekommen aber keine Aufwandsentschädigung.

Weitere Infos gibt es unter Telefon 7 19 42 61 oder per Mail an info@ilm-ev.de.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 18.01.2012