Mobirise

Oma gesucht

Christiane Neubauer, 13.Dezember 2014

Warum Leihomas und Leihopas eine der besten Erfindungen unserer Zeit sind

Eine Oma oder ein Opa ist ein Glück für jede Familie. Leider wohnen sie häufig nicht um die Ecke. Eine gute Alternative: Leihgroßeltern. Wir haben in Stuttgart eine Leihoma und ihre Enkel getroffen.

Emelie ist sehr konzentriert. Mit einem Messer halbiert die Neunjährige die goldfarbe­ nen Windbeutel und kleckst dann mit Hingabe Himbeersahne auf die unteren Hälften. Dann kommt der Deckel drauf und viel Puderzucker. Hinter dem Mädchen steht eine ältere Frau und lächelt sichtlich stolz. „Windbeutel kannst du jetzt schon ganz toll allein machen, Emelie.“

Oma und Enkelin, denkt der Beobachter – doch nicht ganz. Adelheid Lange (63) hat keine Enkelkinder. Emelie wiederum hat zwei „echte“ Omas, aber die wohnen zu weit weg, um mit ihr regelmäßig zu backen oder zu spielen. Deshalb hat Emelies Mutter Silke Eichler bei der Initiative Lebensraum Möhringen ­Fasanenhof­ Sonnenberg (ILM) angerufen. Dort kann man Omas „ausleihen“ – stundenweise und kostenlos (Spenden sind erwünscht). Ein Projekt, von dem Adelheid Lange aus dem Gemeindeblatt der Evangelischen Kirche erfuhr und das ihr sofort gefiel. Angemeldet hat sie sich dann doch erst etwas später: „Ich hatte ein bisschen Angst vor der Verantwortung. Doch als ich dann im Ruhestand war, hatte ich plötzlich viel Zeit. Und ich merkte, meine Woche braucht Struktur.“

Vor drei Jahren kam Adelheid Lange dann zum ersten Mal einen Nachmittag lang zu Emelie und ihren Brüdern Tom (8) und Nick (5): „Ich hab’ die Kinder gesehen und mich sofort in sie verliebt.“ Seitdem nimmt sie einmal die Woche nachmittags eins der Kinder zu sich, beschäftigt sich mit ihnen oder unternimmt etwas. „Emelie ist sehr kreativ. Sie mag am liebsten das Backen oder Handarbeiten.“ Das Mädchen wirft aufgeregt ein: „Ja, mit Adelheid habe ich mir letztes Jahr eine Mütze gehäkelt.“ Ihr Ehemann Wolfgang Lange (67) fügt hinzu: „Tom dagegen braucht immer Action.“ Am liebsten würde er jeden Donnerstag ins Hallenbad gehen. „Und Nick renoviert gern. Letzte Woche hat er von einem Schrank alle Knöpfe abmontiert“, sagt der Leihopa und lacht. Zum Glück ist er ebenfalls im Ruhestand und hat genügend Zeit, alles wieder flugs festzuschrauben. Doch nicht nur einmal die Woche stehen die Langes parat. In Notfällen springen sie auch außerplanmäßig ein.

So wie Emelie, Tom und Nick sowie ihren Leihgroßeltern geht es vielen Kindern und Senioren in Deutschland. Mobilität wird in der Berufswelt heute großgeschrieben. Viele Kinder wachsen deshalb fern ihrer Großeltern auf. Und viele Senioren sehen ihre Enkel nur wenige Male im Jahr. Das ist für alle Beteiligten problematisch. Man vermisst sich. Doch die Eltern sind auch mit ganz praktischen Fragen konfrontiert: Wer betreut die Kinder, wenn die Mutter kurz mal zum Zahnarzt muss oder gar in Teilzeit in den Beruf zurückkehren will? Wer holt die Kleinen vom Kindergarten oder der Schule ab? Wer kümmert sich um sie, wenn die Eltern mal etwas allein unternehmen wollen? Neben Tagesmutter oder Babysitter werden zunehmend Leihomas und Leihopas populärer. Aus gutem Grund: Es gibt viele ältere Menschen, die körperlich und geistig agil sind, die sich zu jung fühlen, um sich aufs Altenteil zurückzuziehen, und sich mit großem Engagement ihren Leihenkeln zuwenden.

Diese Überlegung stand auch für Silke Eichler und ihren Mann im Mittelpunkt, als sie sich für eine Leihoma entschieden. „Mein Mann arbeitet in Ingolstadt und kommt nur am Wochenende nach Hause. Ich bin mit den Kindern unter der Woche alleine. Es ist schwierig, immer allen gerecht zu werden.“ Deshalb ist sie froh, dass die Kinder bei Adelheid und Wolfgang Lange die verdiente Portion Extra-Aufmerksamkeit bekommen. Eine Ansicht, die Töchterchen Emelie teilt – mit Einschränkungen: „Ich finde es total toll, dass Adelheid unsere Leihoma ist. Aber echt doof ist, dass ich nur alle drei Wochen zu ihr kommen darf, weil ich ja zwei kleine Brüder habe.“

Leihomas und -­opas haben eben viele Vorteile. So stehen sie im Gegensatz zur Tagesmutter exklusiv zur Verfügung, sind zeitlich sehr flexibel und stellen ihre Dienste oft so­ gar ehrenamtlich, also kostenlos oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung zur Verfügung. Ein weiteres Plus: Sie stehen für einen Dialog zwischen den Generationen, der in der heutigen Gesellschaft zunehmend verloren geht. „Wir bringen die Älteren mit den Jüngeren und Jüngsten da wieder zusammen, wo durch die Umstände des modernen Lebens die Kontakte verloren gegangen sind“, sagt Hartmut Sikinger, Leiter von Leihgrosseltern-Service.de, einer Initiative des Treffpunkt 50 plus in Stuttgart. „Die Jüngeren lernen dadurch, die Älteren nicht immer nur als Belastung oder als nörgelnde Besserwisser anzusehen. Und sie erkennen, dass viele Senioren sehr wohl noch belastbar sind – und damit eine Unterstützung und Bereicherung im Familienleben.“

Allerdings mit Einschränkungen: Leihgroßeltern seien keine Babysitter und schon gar nicht Aushilfskraft im Haushalt. „Sie agieren als Ersatz einer Oma, die es nicht mehr gibt oder die zu weit weg wohnt“, sagt Sikinger. Interessierten Senioren und Seniorinnen rät er, dass Zeit, Geduld, ein Herz für Kinder und die Lust, sich noch mal auf etwas Neues einzulassen, die wichtigsten Voraussetzungen für eine freudvolle Leihgroßelternschaft sind. Vor drei Jahren hat der ehemalige Personalentwickler auch in Esslingen eine ähnliche Initiative gegründet: den Oma&Opa Leihgroßeltern Service. Bundesweit gibt es viele weitere – Oma­Hilfsdienst, Jung und Alt in Zuwendung, Wunschenkel und Biffy (Big friends for youngsters – Große Freunde für die Jüngsten).

Sie alle haben eins gemeinsam: Die Nachfrage junger Familien ist viel größer als das Hilfsangebot der Seniorinnen und Senioren. Bei den rund 100 lokalen Organisationen und Initiativen, die in Deutschland Leihomas und -opas vermitteln, gibt es in der Regel lange Wartelisten für die Kinder, die sich Ersatz-Großeltern wünschen. Der Tipp an Familien: Probieren Sie es trotzdem! Bei Familie Eichler aus Stuttgart-Möhringen hat es schließlich auch geklappt.

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Nachrichten vom 13.12.2014