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„Bloß keine Eingemeindung!“ 

Corinna Pehar, 29.März 2017

Auf Spurensuche zur Eingemeindung vor 75 Jahren: Inge Epping, Leiterin der Projektgruppe Heimatmuseum, hat in den Annalen der Fildergemeinde Möhringen gestöbert.

Der Platz im Talkessel hat nicht ausgereicht: Die Eingemeindungen begannen bereits mit der Industrialisierung. 1905 wurde zum Beispiel Cannstatt eingemeindet, 1908 traf es Degerloch, 1922 Kaltental und 1937 Sillenbuch. 

Richtig erfasst von der Eingemeindungswelle wurden am 1. April 1942 auch die Fildergemeinden: Neben Plieningen und Birkach wurden auch Vaihingen und Rohr sowie Möhringen und der Fasanenhof – der davor zu Echterdingen gehörte – zu Stuttgarter Stadtteilen. Möhringen war groß und verkehrstechnisch interessant, der Fasanenhof war als Großsiedlung für günstigen Wohnraum für 10 000 Menschen geplant. 


Treibende Kraft war damals vor allem der Stuttgarter Oberbürgermeister und überzeugte Nationalsozialist Dr. Karl Strölin. Der Möhringer Bürgermeister Max Gustav Neunhoeffer wurde zwar 1933 von den Nazis eingesetzt, er habe sich aber stets gegen die Eingemeindung gewehrt, weiß Inge Epping: „Der Schultes hat es damals nicht für gut geheißen, auch die Möhringer wollten nicht eingemeindet werden.“ Geködert habe man die Be­ völkerung damals mit dem Neubau einer Turn­ und Festhalle – „das Bürger­haus haben wir aber erst vor ein paar Jahren bekommen“, betont sie und lacht. Der Kampf der Möhringer, selbstständig zu bleiben, gelang rund fünf Jahre oder wie Neunhoeffer es 1936 auf einer Bürgerversammlung darstellte: „In den letzten zwei Jahren bestanden gewisse Absichten, die Gemeinde Möhringen mit unserer großen Nachbargemeinde Stuttgart zu verheiraten. Die Verhandlungen wurden allerdings ohne die Braut geführt.“ Die Zwangsehe konnte 1937 zunächst noch einmal abgewendet werden, da die Strategie der Reichsregierung auch darin bestand, die Eigenständigkeit kleinerer Orte zu schützen, um die Schaffung von Ballungsräumen und somit den Machtzuwachs des Oberbürgermeisters im großen Stil zu verhindern.

Doch Strölin konnte sich wenige Jahre später durchsetzen, indem er unter anderem dank eines Reichserlasses die Eingemeindung als „kriegswichtig“ deklarierte – 1942 war es dann soweit. Wie in den Möhringer Chroniken nachzulesen ist, habe dies eine große Unruhe und Verbitterung in die Bevölkerung gebracht. Weil es während des Krieges keine Eingemeindungsfeiern geben sollte, hatte der Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, dass jede Familie der eingemeindeten Orte einen Gutschein zum Besuch des Höhenparks Killesberg bekommen sollte – inklusive einer Fahrt mit dem kleinen Bähnle. Heute weiß man, dass die Killesberggaststätte­ bald darauf zur Sammel­ stelle für Judendeportationen in den Osten wurde. 

INFO Das Heimatmuseum im Obergeschoss des Spital­ hofs gibt einen Einblick in das Leben der Möhringer ­ vor allem vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Es wurde 1934 als Bürgerinitiative gegründet. Weitere Informationen unter: www.heimatmuseum-moehringen.de

Mit freundlicher Genehmigung des Stuttgart Wocheblatts vom 29.03.2017