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Ein neues Projekt schließt die Lücke

Alexandra Kratz, 14. Juni 2016

Das Team der Diakoniestation und die Initiative Lebensraum Möhringen suchen Mitarbeiter, die mit alten und demenzkranken Menschen Zeit verbringen. Dafür gibt es neun Euro die Stunde – steuerfrei als Übungsleiterpauschale. 

Die Diakoniestation und die Initiative Lebensraum Möhringen­Fasa­ nenhof-Sonnenberg (Ilm) ziehen schon immer an einem Strang. Ihr Ziel ist es, dass alte Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben können. Für die pflegebedürftigen Menschen bedeutet das Sicherheit und Geborgenheit. Für die Angehörigen ist die Pflege zu Hause aber oft nicht leicht zu realisieren. Sie sollen entlastet werden, damit sie zumindest stundenweise eigene Wege gehen können. Bei der Diakoniestation sind es Fachkräfte, welche die alten Menschen pflegen und ihnen im Haushalt helfen. Das ist ihr Job, dafür werden sie nach Tarif bezahlt. Auf der anderen Seite steht die Ilm. Der gemeinnützige Verein bietet schon seit Jahren einen Besuchsdienst an. Ehrenamtliche schenken den alten Menschen etwas Zeit. Sie gehen mit ihnen spazieren, lesen vor oder hören einfach nur zu.

Doch es sind vor allem die Angehörigen, die sich manchmal mehr Verbindlichkeit wünschen – ohne dass sie gleich die Leistungen der Diakoniestation in Anspruch nehmen können und müssen. Denn das ist letztlich oft auch eine Frage des Geldes. Die Ehrenamtlichen der Ilm aber kommen in der Regel nur einmal die Woche für zwei Stunden. Es sind verlässliche Leute, doch wenn sie zum Beispiel im Urlaub sind, fällt das Treffen auch mal aus. So etwas soll bei dem neuen Angebot vermieden werden.

Das neue, gemeinsame Projekt der Diakoniestation und der Ilm soll diese Lücke schließen. Volker Zeitler hat vorrangig an Demenz erkrankte Menschen im Blick. Der Geschäftsführer der Diakoniestation ergänzt: „Dank des neuen Pflegestärkungsgesetzes dürfen die Betroffenen künftig mehr Leistungen in Anspruch nehmen und mit der Pflegekasse abrechnen.“ Dabei gehe es vor allem um die Betreuung, gegebenenfalls auch um etwas Hilfe im Haushalt, sagt Zeitler. Allerdings immer im Sinne der Beschäftigung. Der Mitarbeiter und der zu Betreuende nehmen also bei­ spielsweise gemeinsam den Staubwedel in die Hand.

Die Grundlage für das neue Projekt ist der Paragraf 45 des Sozialgesetzbuches. Dort steht, dass pflegebedürftige Menschen „zusätzliche Betreuungs­ und Entlastungsleistungen in Anspruch nehmen“ können. Im Klartext heißt das, dass die Pflegekassen derzeit in der Regel 104 Euro zusätzlich geben. In manchen Fällen sind es auch 208 Euro. Mit dem Geld können Menschen bezahlt werden, die stundenweise hilfsbedürftige Senioren betreuen. Mit dem neuen Pflegestärkungsgesetz steigen diese Beträge.

Nun wollen die Diakoniestation und die Ilm für ihr neues Projekt Mitarbeiter gewinnen. Diese bekommen mehr als die Ehrenamtlichen im Besuchsdienst der Ilm, nämlich neun Euro in der Stunde. Das Geld ist bis zu einer Summe von 2400 Euro im Jahr steuerfrei. Es entspricht der Übungsleiterpauschale, die es auch für Trainer, Dozenten und Künstler gibt.

Die Mitarbeiter müssen keinerlei Erfahrungen mitbringen. „Sie müssen lediglich das Herz am rechten Fleck haben“, sagt Beate Hogh. Sie ist die Leiterin des Pflegedienstes bei der Diakoniestation. Die Mitarbeiter werden im Vorfeld umfassend geschult. Dabei geht es vor allem um das Erkennen von Krankheiten und darum, wie sich bestimmte Krankheiten auf den Alltag auswirken. Und es geht um die Mitarbeiter selbst. „Denn sie kommen schnell mit Themen wie der Endlichkeit des Lebens in Berührung und müssen lernen, sich abzugrenzen“, sagt Birgit Keyerleber. Der Geschäftsführerin der Ilm ist es wichtig, dass die Mitarbeiter sich nie allein gelassen fühlen. Darum gibt es regelmäßig Treffen, um Erfahrungen auszu­tauschen. „Und selbstverständlich sind alle Mitarbeiter über die Diakoniestation versichert“, er­ gänzt Keyerleber.

Volker Zeitler wünscht sich einen großen Pool an Mitarbeitern, um die angestrebte Verlässlich­keit auch gewährleis­ten zu können. Denn er braucht Menschen, die kurzfristig einspringen können, wenn jemand krank oder im Urlaub ist. Außer­dem sieht das Projekt auch Einsätze am Abend und an den Wochenenden vor. „Wir würden uns über junge Mitarbeiter freuen. Vielleicht hat ja auch der ein oder andere Student Lust auf so eine Aufgabe“, sagt Keyerleber. Denn der Lohn sei mehr als die neun Euro pro Stunde. „Man lernt viel fürs Leben und bekommt viel von den alten Menschen zurück“, sagt Keyerleber.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 14.06.2015